Kratom: Pflanze, Inhaltsstoffe und warum die Risiken nicht unterschätzt werden sollten
- Der Kratombaum gehört zur Familie der Kaffeegewächse
- Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin binden an Opioidrezeptoren
- Schwindel, Krampfanfälle und Herzrasen in den Fallberichten des BfR
- Leberschäden zeigen sich meist erst nach ein bis acht Wochen
- Was nach dem Absetzen eines regelmäßigen Konsums passiert
Die Blätter des Kratombaums werden in Thailand, Malaysia und Indonesien seit Jahrhunderten gekaut oder als Aufguss getrunken, meist gegen Schmerzen oder zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. In Europa sind Zubereitungen der Pflanze erst seit wenigen Jahren breiter erhältlich. Vertrieben werden sie überwiegend über den Onlinehandel, teilweise auf Seiten, die daneben Nahrungsergänzungsmittel bewerben.
Am 1. Juli 2025 warnte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor der Anwendung zu medizinischen Zwecken. Zwei Monate später legte das Bundesinstitut für Risikobewertung eine erste Sichtung der wissenschaftlichen Datenlage vor.
Pflanzliche Herkunft sagt nichts über Verträglichkeit. Digitalis stammt aus dem Fingerhut, Atropin aus der Tollkirsche.
Der Kratombaum gehört zur Familie der Kaffeegewächse
Mitragyna speciosa wächst in Südostasien und zählt botanisch zu den Rubiaceae, jener Familie, zu der auch der Kaffeestrauch gehört. Traditionell werden die frischen oder getrockneten Blätter gekaut oder aufgegossen.
Im Internethandel dominiert heute Blattpulver, daneben stehen flüssige Extrakte, Liquids für E-Zigaretten und Fruchtgummis. Zwischen einem Aufguss aus wenigen Blättern und einem konzentrierten Extrakt liegen im Wirkstoffgehalt Größenordnungen, ohne dass eine Deklarationspflicht bestünde. Beworben werden sie häufig mit gesundheitlichen Wirkungen, für die es keinerlei wissenschaftliche Belege gibt.
Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin binden an Opioidrezeptoren
Über 50 Alkaloide stecken in den Blättern. Erforscht sind zwei davon. Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin binden an dieselben Rezeptoren im Gehirn wie Codein, an die My-Opioidrezeptoren. Mitragynin wirkt zusätzlich auf Serotonin, Dopamin und Noradrenalin.
Wie stark der Effekt ausfällt, hängt von der Menge ab. Kleine Dosen wirken anregend, größere sedierend bis narkotisierend, wobei sich die Schwelle zwischen beiden Bereichen nicht allgemein beziffern lässt, weil der Alkaloidgehalt der angebotenen Ware schwankt.
7-Hydroxymitragynin macht in der natürlichen Blattdroge weniger als zwei Prozent des gesamten Alkaloidgehalts aus. Am Opioidrezeptor ist es trotzdem wirksamer als Mitragynin und wirksamer als Morphin. Aus Mitragynin lässt sich der Stoff in einem einzigen chemischen Schritt herstellen, und im Körper entsteht er ohnehin beim Abbau.
Daraus ist in den USA ein eigenes Marktsegment geworden. Die Drug Enforcement Administration kündigte am 6. Juli 2026 an, 7-Hydroxymitragynin oberhalb eines Schwellenwerts der schärfsten Kontrollstufe zu unterstellen, bei Pflanzenmaterial ab 0,050 Prozent der Trockenmasse, bei verarbeiteten Erzeugnissen zusätzlich ab einem Milligramm je Produkteinheit. Ergehen durfte die Anordnung frühestens am 5. August 2026. Ob sie inzwischen veröffentlicht wurde, ist nicht belegt.
In Deutschland fällt der Stoff weiterhin nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Auf der Tagesordnung der jüngsten Sitzung des zuständigen Sachverständigenausschusses am 2. Dezember 2025 stand das Thema nicht.
Schwindel, Krampfanfälle und Herzrasen in den Fallberichten des BfR
Was über die gesundheitlichen Folgen von Kratom bekannt ist, stammt vor allem von Menschen, die nach der Einnahme behandelt werden mussten. Das BfR hat diese Fallberichte im September 2025 gesichtet. Die beschriebenen Symptome verteilen sich über mehrere Organsysteme:
- Nervensystem: Schwindel, Krampfanfälle, Benommenheit, Verwirrtheit, Ohnmacht, Halluzinationen
- Herz und Kreislauf: Herzklopfen, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen
- Leber und Niere: Schädigungen bis hin zum mehrfachen Organversagen
- Weitere Befunde: Atemstörungen, Lungen- und Hirnödeme, Zerfall von Muskelfasern
Dazu kommen Beschwerden, die sich direkt aus der opioidartigen Wirkung ergeben. Die US-Arzneimittelbehörde FDA nennt Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Sedierung als typische Effekte dieser Stoffgruppe, gemeinsam mit Atemdepression und körperlicher Abhängigkeit.
Wie häufig solche Reaktionen sind, weiß niemand. Meldesysteme erfassen Einzelfälle, nicht die Verbreitung. Die amerikanischen Giftinformationszentren registrierten zwischen Januar und Juli 2025 165 Expositionsfälle mit 7-Hydroxymitragynin. Wo der Stoff allein aufgenommen worden war, verlief mehr als ein Drittel mit ernsten gesundheitlichen Problemen. Ein Kausalitätsnachweis ergibt sich daraus nicht.
Leberschäden zeigen sich meist erst nach ein bis acht Wochen
Schäden an der Leber folgen einem Muster, das die Datenbank LiverTox der National Institutes of Health beschreibt. Sie setzen ein bis acht Wochen nach Beginn eines regelmäßigen Konsums ein, zunächst mit Müdigkeit, Übelkeit, Juckreiz und dunklem Urin, danach mit einer Gelbfärbung von Haut und Augen. Der Gallenfluss ist gestört. In schweren Verläufen kommt akutes Nierenversagen hinzu.
Der zeitliche Abstand erschwert die Zuordnung.
2024 wurde erstmals ein Todesfall nach Kratom-Konsum in Deutschland beschrieben, dokumentiert von Rechtsmedizinern in der Fachzeitschrift Rechtsmedizin. Das BfR räumt ein, dass die Aussagekraft einzelner Fallberichte begrenzt ist, verweist aber auf Tierversuche mit vergleichbaren Befunden und hält die toxikologische Relevanz für gegeben. Für eine abschließende Risikobewertung reichen die vorliegenden Daten nach eigener Einschätzung nicht aus.
Was nach dem Absetzen eines regelmäßigen Konsums passiert
Nach regelmäßigem Gebrauch von Kratom sind Abhängigkeit und Entzugserscheinungen beobachtet worden. Die FDA beschreibt Fälle einer Substanzgebrauchsstörung, in denen Betroffene mehr und länger konsumierten als beabsichtigt, ein starkes Verlangen nach der Substanz entwickelten, für dieselbe Wirkung die Menge steigerten und beim Absetzen Entzugssymptome zeigten.
Auch Neugeborene sind betroffen. Nach längerer Exposition vor der Geburt fielen sie durch Zittrigkeit, Reizbarkeit und Muskelsteifigkeit auf, ein Bild, wie es von Opioiden bekannt ist.
Die amerikanische Nebenwirkungsdatenbank FAERS verzeichnete für 7-Hydroxymitragynin im Jahr 2023 einen einzigen Fall. Bei einer Abfrage am 27. Februar 2026 waren es für das Jahr 2025 bereits 66, die frühen Meldungen betrafen überwiegend Abhängigkeit und Entzug. Der Anstieg spiegelt auch, dass Behörden seit 2025 gezielt nach dem Stoff suchen.