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Bulimie: Wenn Essen und Erbrechen das Leben bestimmen

Bulimie ist eine schwere Essstörung, bei der die Betroffenen zwischen Essattacken und Erbrechen schwanken. Nicht selten gehen Bulimie Diäten oder Magersucht voraus. (Foto: terovesalainen / Adobe Stock)

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Rund 600.000 von Bulimie Betroffene gibt es in Deutschland – so die Schätzungen. Zusammen mit Magersucht und der Binge-Eating-Störung ist Bulimie (bulimia nervosa) die häufigste Essstörung. Die Krankheit lässt sich nicht immer ganz klar von der Magersucht abgrenzen. Bei vielen Betroffenen wechseln sich Magersucht und Bulimie ab oder der Bulimie geht eine Magersucht voraus.

Was ist Bulimie?

Bulimie (bulimia nervosa) bedeutet wörtlich übersetzt Ochsenhunger und wird in der Medizin auch Ess-Brech-Sucht genannt. Bei der Bulimie wird nach dem Essen ein absichtliches Erbrechen herbeigeführt, um die aufgenommene Nahrung wieder von sich zu geben. Gekennzeichnet ist die Bulimie von Essanfällen, in denen die Betroffenen unkontrolliert große Mengen fett– und zuckerhaltiger Lebensmittel essen und diese anschließend wieder erbrechen. Diese Essanfälle folgen dabei in der Regel keinem klaren Zeitschema. Sie können alle zwei Tage aber auch alle zwei Wochen erfolgen.

Nicht nur Erbrechen ist für Bulimie-Kranke ein Mittel, um das eigene Körpergewicht zu regulieren. Viele Betroffene zeigen weitere Verhaltensauffälligkeiten:

  • exzessiver Sport, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen
  • der Missbrauch von Abführmitteln oder anderen Medikamenten wie zum Beispiel Mitteln zur Entwässerung oder zur Ankurbelung des Stoffwechsels (Schilddrüsenmedikamente)
  • extreme Diäten oder Fasten
  • Hungern

Betroffen sind vorwiegend Mädchen und junge Frauen

Bulimie beginnt häufig in einem etwas höheren Alter als Magersucht, die ihr meist vorausgeht. Betroffen sind vorwiegend Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren. Das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen liegt bei 12:1, also auf einen Bulimie-Patienten kommen 12 Bulimie-Patientinnen.

Ein bis zwei von 100 Menschen (1,5 Prozent) erkranken in ihrem Leben an der Ess-Brech-Sucht. Bei schätzungsweise 5 von 100 Personen treten einzelne Symptome der Krankheit auf, ohne dass gleich das umfassende Krankheitsbild vorliegt.

So entsteht Bulimie

Bulimie beginnt häufig so, dass die Betroffenen regelmäßig Diät halten, um ihr Körpergewicht zu halten oder zu reduzieren und sich selber zu gefallen. Durch das Hungern entstehen jedoch Heißhungerattacken, denen irgendwann nicht mehr widerstanden werden kann. Nach einer Essattacke fürchten die Betroffenen die Gewichtszunahme, weshalb sie das Essen wieder erbrechen. Dies kann zu einem gefährlichen Kreislauf werden.

Oft geht einer Bulimie auch eine Magersucht voraus und schlägt dann in eine Bulimie um, da die Betroffenen nicht damit umgehen können wieder mehr zu essen und dieses Essen wieder von sich geben. Eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers geht mit diesem Verhalten einher – die Betroffenen finden sich zu dick und haben Angst vor der Gewichtszunahme.

In Berufen, in denen der eigene Körper eine wichtige Rolle spielt, tritt Bulimie häufiger auf. Dazu zählen:

  • Modeln
  • Tanzen
  • Skispringen
  • Kunstturnen
  • Leistungssport

Diese Ursachen kann Bulimie haben

Die Gründe für Bulimie sind vielfältig. Gesellschaftliche Faktoren und herrschende Schönheitsideale spielen eine entscheidende Rolle. Doch auch die familiäre Situation kann die Entstehung von Bulimie fördern. Ein zu hoher Leistungsanspruch der Eltern, fehlende Wärme, Zuneigung und Bestärkung des Kindes oder Eltern, die unter psychischen Erkrankungen leiden, können Bulimie begünstigen. Auch wenn einer der Eltern ein gestörtes Essverhalten hat und zum Beispiel ständig Diät hält, kann dies auf das Kind abfärben, das kein normales Essverhalten lernt.

Biologische Faktoren und genetische Ursachen gibt es ebenfalls. Auch individuelle Faktoren wie ein geringes Selbstwertgefühl oder das Streben nach Anerkennung können zur Entstehung von Bulimie beitragen.

Bulimie: Schwerwiegende Erkrankung mit gefährlichen gesundheitlichen Folgen

Bulimie sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sondern kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Die Krankheit ist eine psychische Störung und tritt häufig nicht allein auf. Oft leiden die Betroffenen unter weiteren psychischen Störungen wie zum Beispiel:

  • affektive Störungen
  • Angststörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Sucht
  • Belastungsstörungen
Mann hält sich die Nase zu

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Die Betroffenen riskieren durch das ständige Erbrechen ihre Gesundheit:

  • Mangelernährung
  • Elektrolytverlust
  • Kreislaufprobleme
  • Schäden an den Zähnen
  • Entzündungen der Speiseröhre
  • Gastritis
  • Schäden an den Nieren
  • Herzrhythmusstörungen
  • Osteoporose

In Kombination mit einer Magersucht kann Unfruchtbarkeit eine weitere Folge sein.

Bulimie behandeln: Möglichkeiten und Erfolgsaussichten

Die Behandlung von Bulimie kann nur langfristig erfolgreich sein, wenn die Essstörung eingesehen wird. In einer Psychotherapie werden die Betroffenen über einen längeren Zeitraum begleitet. Je nach Gesundheitszustand sind sogar stationäre Einlieferungen möglich, diese sind aber seltener als bei Magersucht-Patienten. Eine Verhaltenstherapie oder ein psychodynamischer Ansatz sind typische Behandlungen, die bei Bulimie angewendet werden. Eine Ernährungsberatung kann eine Therapie ergänzen.

Etwa ein Drittel aller Bulimiker kann durch eine Therapie dauerhaft von seiner Essstörung geheilt werden. Handelt es sich um minderjährige Patienten, werden in der Regel auch die Eltern in gewisse Therapiesitzungen mit einbezogen. Der Therapeut sollte sich auf dem Gebiet der Essstörungen auskennen und bereits Erfahrung mit der Behandlung von Bulimie-Patienten haben. Dies erhöht die Heilungschancen.

Bulimie erkennen: Diese Warnzeichen gibt es

Was das Erkennen von Bulimie so schwierig macht, ist dass die Betroffenen oft ein normales Gewicht haben und nicht wie bei der Magersucht außergewöhnlich dünn sind. Untergewicht oder Übergewicht sind jedoch auch möglich. Zudem versuchen die Betroffenen sowohl ihre Essattacken als auch das Erbrechen zu verheimlichen, weshalb es selbst im engsten Familienumfeld oft dauert, bis die Probleme zutage kommen.

Wer beobachtet, dass eine Person im Haushalt nach jedem Essen auf der Toilette verschwindet, sollte aufmerksam sein. Auch wenn Hungern, exzessiver Sport oder konkrete Essattacken auffällig werden, können dies Warnzeichen sein.

Hilfe suchen und früh handeln

Der Betroffene sollte behutsam auf die Entdeckungen und eine mögliche Essstörung angesprochen werden. Üblich ist, dass dann erst einmal alles abgestritten und die Krankheit nicht eingestanden wird. Wichtig ist, dran zu bleiben und den Betroffenen immer wieder anzusprechen. Dabei sollte kein anklagender Ton laut werden, sondern vielmehr ein unterstützender Ansatz gewählt werden. Angehörige von Bulimie-Kranken können sich Hilfe bei Beratungsstellen oder Ärzten holen, die Tipps geben, wie die Betroffenen zu einer Therapie bewogen werden können.

Grundsätzlich gilt, dass Bulimie umso besser behandelt werden kann, je früher sie entdeckt wird. Je länger eine Person unter Bulimie leidet, desto mehr verfestigt sich ihr Essverhalten und desto gravierender werden auch die gesundheitlichen Schäden im Körper.

Sich selber testen: Kriterien, die auf Bulimie hindeuten könnten

Auch für sich selber gibt es verschiedene Kriterien, die jeder für sich überprüfen kann:

  • Kreisen meine Gedanken viel um das Thema Essen?
  • Bin ich unzufrieden mit meinem eigenen Essverhalten?
  • Habe ich Sorge zuzunehmen oder mich schlecht zu ernähren?
  • Fühle ich mich zu dick und bin unzufrieden mit meiner Figur?
  • Esse ich heimlich?
  • Führe ich absichtliches Erbrechen nach dem Essen herbei?
  • Leide ich unter Essanfällen?

All diese Zeichen können auf Bulimie hindeuten. Der Hausarzt kann der erste Ansprechpartner bei einem Verdacht sein. Um Bulimie tatsächlich zu diagnostizieren bedarf es aber eines Psychotherapeuten oder eines auf Essstörungen spezialisierten Arztes. Dafür ist eine ausgiebige Untersuchung, eine Messung des Gewichtes sowie ein Gespräch über das Essverhalten der Person und ihre Maßnahmen gegen die Gewichtszunahme nötig. Auf Basis dieser Ergebnisse wird dann entschieden, wie die Person behandelt wird.

Zusammenfassung

Bulimie ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf. Die Betroffenen (überwiegend Mädchen und junge Frauen) leiden häufig an einer gestörten Selbstwahrnehmung, haben Angst vor Gewichtszunahme und erbrechen sich nach dem Essen gezielt. Üblich sind auch unkontrollierte Essattacken, die meist aus Heißhunger resultieren. Exzessiver Sport, Hungern oder der Missbrauch von Abführmitteln sind neben dem Erbrechen oft weitere Gegenmaßnahmen, die ergriffen werden, um nicht zuzunehmen.

Bulimie erwächst häufig aus einer Magersucht – auch können sich die beiden Krankheiten abwechseln. Die Betroffenen versuchen ihr Verhalten zu verbergen und haben nach außen hin oft ein ganz normales Gewicht. Das häufige Erbrechen kann aber zu schweren gesundheitlichen Schäden führen, wie Entzündungen der Speiseröhre, Herzrhythmusstörungen, Zahnschäden und einer Mangelernährung.

Die Krankheit kann sowohl in genetischen oder individuellen Faktoren begründet sein als auch in familiären oder gesellschaftlichen. Häufig spielen mehrere Faktoren zusammen und es gibt nicht nur einen einzigen Grund für das Auftreten von Bulimie. Je früher Bulimie entdeckt und behandelt wird, desto besser heilbar ist sie. Anzeichen für Bulimie können sowohl bei einem selbst als auch bei anderen entdeckt werden. Ein behutsamer Umgang mit der Krankheit ist essentiell. Ärzte, Psychotherapeuten und Beratungseinrichtungen bieten Hilfestellungen, um Betroffene zu einer Therapie zu bewegen. Die Chancen komplett geheilt zu werden, liegen etwa bei einem Drittel.

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