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Neue Erkenntnisse zur Ursache von chronisch entzündlichen Darmleiden

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Die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa begleiten Betroffene ein Leben lang und gelten als unheilbar.

Experten nahmen bisher an, dass es sich bei der chronischen Entzündung des Darms um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der ein überaktives Immunsystem den Darm angreift.

Doch nun ändert sich diese Sichtweise: Neue Studien zeigen, dass ein Versagen der angeborenen Abwehr gegen Darmbakterien der Auslöser für die Krankheiten ist. Die chronische Entzündung ist folglich als Reaktion und Antwort auf diese Abwehrschwäche zu verstehen.

Was das für Betroffene bedeutet und welche Konsequenzen sich für Forschung und Behandlungsansätze ergeben, wollen Darmexperten anlässlich des Crohn & Colitis-Tages 2011, am jetzigen Donnerstag, den 15. September 2011, der Öffentlichkeit näher bringen.

Ziel ist, eine breite Öffentlichkeit über die chronischen Krankheiten und deren Bedeutung für Betroffene zu sensibilisieren. Neben einer verbesserten Versorgung setzen sich das Kompetenznetz Darmerkrankungen und die Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa Vereinigung e. V. (DCCV) für einen intensiveren Austausch von ÄrztInnen und Betroffenen ein.

So machen sich chronische Darmentzündungen bemerkbar

  • Schmerzen – meist im rechten Unterbauch
  • Durchfälle mit oder ohne Blut
  • manchmal kann der Arzt einen schmerzhaften Widerstand im Bauch ertasten
  • Müdigkeit
  • Appetitlosigkeit
  • Gewichtsverlust
  • eventuell leicht erhöhte Temperatur
  • Blutarmut
  • Fissuren, Fisteln oder Abszesse am After (vor allem beim Morbus Crohn)

Chronisch entzündliche Darmleiden bei jungen Menschen

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden häufig bei jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zum ersten Mal festgestellt. Symptome wie Übelkeit, krampfartige Bauchschmerzen, Durchfälle und Schwäche treten in Schüben auf, deren Form, Stärke und Verlauf individuell verschieden sind.

Die bislang nicht heilbaren Erkrankungen schmälern die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten erheblich. Betroffene sind auf Experten angewiesen, die sich mit den Krankheitsbildern und Verläufen auskennen und die individuelle Therapie gut einstellen können. Behandlungsansätze zielen zumeist mit so genannten Immunsuppressiva auf eine Unterdrückung des überaktiven Immunsystems ab und lösen zum Teil starke Nebenwirkungen bei Betroffenen aus.

Für Ärztinnen und Ärzte sind Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung essentiell, die neue Ansätze zur Optimierung von Behandlungen ermöglichen. Diese Erkenntnisse liefern jetzt verschiedene Forscherinnen und Forscher, und sie werfen damit ein neues Licht auf die Ursachen der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.

Ein Versagen der angeborenen Abwehr

Privatdozent Dr. Jan Wehkamp vom Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie am Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart, und Mitglied im Kompetenznetz Darmerkrankungen, ist einer der Forscher, der stark zu einem Paradigmenwechsel in der Ursachenforschung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen beiträgt. „Bisher gingen die meisten Experten davon aus, dass bei der chronisch entzündlichen Darmerkrankung ein übereifriges Immunsystem das gesunde Gewebe als Feind betrachtet und bekämpft, was ein typischer Mechanismus einer chronischen Entzündung ist.

Diese Sichtweise ändert sich gerade grundlegend: Bereits vor mehr als 10 Jahren wurde gezeigt, dass sich die Entzündungsreaktion nicht primär gegen den eigenen Körper sondern gegen „normale” Darmbakterien richtet. Ohne Anwesenheit dieser Bakterien schwächt die Entzündung im Darm ab. Weitere Studien zeigten, dass sich besonders bei Morbus Crohn Bakterien auf der Schleimhaut direkt festsetzen, die bei Gesunden nicht zu finden sind”, erläutert Jan Wehkamp.

„Wir konnten diese Beobachtungen zunächst nicht mit unserem Wissen über die Krankheiten in kausale Verbindung bringen, aber neuere Studien beweisen jetzt, dass es sich um eine Schwäche der Darmabwehr gegen Bakterien handelt.

Durch diese Abwehrschwäche direkt an der Darmoberfläche dringen Bakterien in die Schleimhaut ein. Nur als Folge davon, nicht als Ursache dafür, tritt die Entzündung auf: Die Entzündungszellen reagieren konsequenterweise auf das Eindringen der Bakterien und greifen die Mikroorganismen an, weil das Immunsystem diese zu Recht als „fremd” erkennt. Folge und zugleich Auslöser der klinischen Symptome ist dann eine chronische Entzündung – als Antwort auf die Abwehrschwäche mit dem Ziel, den keimfreien Zustand des gesunden Gewebes zu erreichen.”

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Mehr Grundlagenforschung nötig

„Die jüngsten Erkenntnisse der Grundlagenforschung könnten zu grundsätzlich neuen Ansätzen in der Therapie führen. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung von Substanzen, mit denen das angeborene Immunsystem und die Darmbarriere gestärkt und unterstützt werden. Hier gibt es erste positive Ansätze mit Wirkstoffgruppen, die zunächst jedoch in Studien überprüft und getestet werden müssen.”, erläutert Jan Wehkamp.

Natürlich bedeuten diese Erkenntnisse nicht, dass alle anderen, gerade aktuellen Therapien falsch sind. Gerade in einer akuten Phase bleibt es sehr wahrscheinlich weiterhin sinnvoll und notwendig die Immunreaktion des Körpers zu unterdrücken. „Ideal wäre es jedoch, das Immunsystem gegen Mikroorganismen gerade in entzündungsfreien Phasen so stärken zu können, dass die Unterdrückung der Immunantwort nur noch in seltenen Fällen notwendig sein wird”, so der Wissenschaftler.

Die Diagnose des Reizkolons

Unter dem Begriff „Reizdarmsyndrom“ versteht die Medizin eine Vielfalt von funktionellen Störungen und Beschwerden des Dickdarms ohne organische Ursachen. Es handelt sich im strengen Sinne also nicht um eine Krankheit.

Wenn Sie betroffen sind, wissen Sie nur zu gut, wie belastend und im Alltag hinderlich das sein kann. In ausgeprägten Fällen schränkt sich sogar die Arbeitsfähigkeit ein. Die Symptome treten häufig bei psychischer Belastung auf oder verstärken sich dadurch: krampfartige Schmerzen, meist im linken Unterbauch, und Druck- und Völlegefühl im gesamten Bauchraum. Brennen und Stechen im Verlauf des Dickdarms treten häufig auf und lösen nicht selten Ängste aus, vor allem die Angst vor einem Krebsleiden.

Durchfall oder Verstopfung oder beides?

Ein wesentliches Charakteristikum stellen die Stuhlunregelmäßigkeiten dar, die individuell stark variieren: Manche leiden dabei an hartnäckiger Stuhlverstopfung, andere an immer wiederkehrenden Durchfällen, die bei der geringsten Aufregung auftreten. Sie überfallen die Geplagten urplötzlich und unaufschiebbar, typischerweise während oder unmittelbar nach einer Mahlzeit.

Wiederum andere empfinden Verstopfung und Durchfall im Wechsel. Viele fühlen sich deutlich erleichtert, wenn sie Stuhl absetzen. Bei anderen treten die Schmerzen erst nach dem Stuhlgang auf. Häufig bleibt das Gefühl zurück, den Darm unvollständig entleert zu haben. Dem Stuhl können größere Mengen an Schleim (nicht Blut) beigemischt sein. Blut im Stuhl gilt immer als Hinweis auf eine organische Ursache. Wenn es sich nicht gerade um Durchfälle handelt, sind die Exkremente meist sehr fest, knollig wie Schafskot oder bleistiftartig geformt.

Menschlicher Darmtrakt - in Illustration hervorgehoben

Entzündliche Darmerkrankungen: Sofort unter Kontrolle bringenChronisch entzündliche Darmkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind unaufhörlich auf dem Vormarsch. Lesen Sie hier mehr dazu. › mehr lesen

Ungeklärte Ursachen

Was einen Darm zum Reizdarm macht, ist nach wie vor nicht bekannt. Stress und psychische Belastungen beeinflussen die Darmtätigkeit über das vegetative (dem Willen nicht unterworfene) Nervensystem.

Diäten, Medikamente oder Überempfindlichkeit gegenüber den Hormonen des Darmtrakts wirken sich auf die Darmmotorik aus. Untersuchungen zeigten, dass sich der übersensible Darm bei emotionaler Belastung häufiger und stärker zusammenzieht als bei unempfindlichen Vergleichspersonen. Darüber hinaus liegt bei vielen eine Überempfindlichkeit des Kolon gegen Dehnung vor, sodass stärkere Blähungen zu erheblichen Schmerzen führen.

Die Betroffenen neigen vielfach zu ängstlichem Verhalten und zu Depressionen. Auseinandersetzungen mit dem Partner, Sorge um die Kinder, Verlust eines geliebten Menschen oder quälende Gedanken um belanglose Alltagsprobleme gelten als Auslöser eines Reizdarmsyndroms oder eines neuen Schubs. Zusätzlich besteht in vielen Fällen eine Unverträglichkeit von Substanzen wie Kaffee oder Tee oder von bestimmten Nahrungsmitteln wie Zitrusfrüchten oder Milchprodukten.

Wie ist der Krankheitsverlauf?

Das Reizdarmsyndrom verläuft unterschiedlich. Die Symptome halten tage-, wochen- oder monatelang an und bleiben für eine gewisse Zeit aus. Unter bestimmten Voraussetzungen (Stress etc.) tauchen sie wieder auf. Eine Verschlimmerung brauchen Sie nicht zu befürchten. Vor allem steht fest, dass das Reizdarmsyndrom sich nicht zu einerbösartigen Erkrankung entwickelt.

Die Therapiemaßnahmen richten sich nach der besonderen Ausprägung im individuellen Fall, um die Symptome zu lindern. Diese symptomatische Behandlung fällt, je nachdem, ob mehr Verstopfungs- oder mehr Durchfallneigung besteht, verschieden aus. Wichtig ist, dass Sie sich der Gutartigkeit der Beschwerden bewusst sind und Krebsangst überwinden.

Mit Yoga den Darm beleben

Mit dem Magenhub tun Sie etwas gegen Verstopfung und straffen insgesamt Organwände, Bänder und Muskeln des Bauch- und Beckenraumes. Üben Sie immer nüchtern, am besten morgens. Stellen Sie die Beine in Hüftweite auseinander, die Knie gebeugt. Mit geradem Rücken beugen Sie sich vor und drücken die Hände nahe der Leistengegend auf die Oberschenkel. Die Ellenbogen zeigen nach außen. Atmen Sie tief in den Bauchraum ein.

In der Ausatmung strecken Sie die Arme durch. Der Oberkörper geht mit, bleibt aber schräg nach vorn. In der Atemleere ziehen Sie die Bauchwand hoch und nach innen. Beim Einatmen lockern Sie die Haltung. Dreimal wiederholen. Wenn Sie diesen Übungsteil beherrschen, schließen Sie den zweiten an: In der Atemleere die hochgezogene Bauchwand pumpend hin- und herbewegen. Dies bedeutet eine sanfte Massage der Eingeweide.

Der Arzt verordnet Medikamente gegen die Darmkrämpfe und die oft heftigen Durchfälle. Bei Verstopfungsneigung sind neben einer verdauungsfördernden Ernährung ballaststoffhaltige pflanzliche Präparate wie indische Flohsamenschalen (Plantago ovata) angezeigt.

Diese nimmt man mit viel Flüssigkeit ein. Mit Abführmitteln sollten Sie vorsichtig umgehen und vor allem solche meiden, die den Darm zusätzlich reizen. Ein Versuch mit Heilpflanzen wie Johanniskraut, alternativen Therapien wie Homöopathie, Darmsanierung oder chinesischer Medizin lohnt sich. Viele Betroffene profitieren von psychotherapeutischen Maßnahmen. In extremen Fällen sind streng befristet niedrig dosierte Psychopharmaka notwendig, wenn Ihr Leidensdruck stark ist und die Maßnahmen nicht ansprechen.

Was Sie selbst tun können

Sie müssen lernen, mit dem Reizdarm umzugehen. Wenn Sie erfahren, dass keine bedrohliche organische Erkrankung vorliegt, bessern sich die Beschwerden in manchen Fällen von allein. Sie stellen Ihre Ernährungsgewohnheiten auf Ihre Symptome ein: Neigen Sie zu Verstopfung, sollten Sie sich ballaststoffreich ernähren und dabeiblähende Speisen meiden: Hülsenfrüchte, Kohl, Gurken, Zwiebeln, Lauch, Knoblauch und was immer Ihnen nicht bekommt.

Beobachten Sie sich selbst. Bei leichteren Bauchschmerzen hilft die gute alte Wärmflasche. Körperliche Aktivität empfiehlt sich ebenso wie das bewusste Entspannen bei Musik oder beim bloßen Träumen. Versuchen Sie, einmal „nichts zu tun“ und alle Fünf gerade sein zu lassen. Ebenfalls hilfreich sind Yoga- und Bauchtanz-Übungen, die der Verstopfung entgegenwirken.

Hartnäckige Durchfälle lassen sich ohne Medikamente oft schwerer bekämpfen. Dies gilt insbesondere, wenn sie plötzlich auftreten. Hier spielt das Weglassen schlecht vertragener Nahrungsmittel eine größere Rolle. Vor wichtigen Terminen essen Sie wenig, da der Darm oft reflektorisch auf Entleerung drängt. Autogenes Training wirkt beim Durchfall-Typ des Reizdarmsyndroms beruhigend auf die Eingeweide. Ein Problem beim Reizdarm ist das gestörte Bewegungsvermögen des Darms. Dies führt zu Störungen des Stuhls beim Weitertransport und bei der Ausscheidung. Ärzte an der Mayo Clinic entwickelten eine Untersuchungsmethode, um die Bewegung der Nahrung durch den Darm sichtbar zu machen.

Neue Behandlungsmöglichkeiten

Die Untersuchung (Darm-Szintigramm) verläuft schmerzlos und nicht-invasiv. „Damit bestimmen wir, welche Prozesse ablaufen, sodass wir die geeignetste Therapie wählen.“ Dies erklärt Dr. Michael Camilleri von der gastroenterologischen Abteilung an der Mayo Clinic. Für die Untersuchung schlucht man mit der Frühstücksmahlzeit eine winzige Kapsel, die eine radioaktiv markierte Substanz enthält. Am nächsten Tag stellt sich der Patient in regelmäßigen Abständen kurz vor eine spezielle „Gamma“-Kamera, die einem Röntgenapparat ähnelt.

Die Kapsel entwickelten Forscher so, dass sie sich auflöst, kurz bevor sie in den Dickdarm gelangt. Die Kamera macht eine Aufnahme der radioaktiv markierten Substanz, während sie zusammen mit der Nahrung durch den Darmtrakt wandert. Der Arzt erstellt auf diese Weise schneller und mit geringerem Kostenaufwand eine Diagnose als mit den herkömmlichen Untersuchungsmethoden. Sie erfordern in vielen Fällen einen stationären Aufenthalt und verschiedene langwierige Tests.

Tegaserod für Frauen mit Reizdarmsyndrom

Die FDA ließ vor kurzem ein neues Medikament zur Behandlun des Reizdarmsyndroms (Colon Irritabile) bei Frauen zu. Der Wirkstoff Tegaserod (Zelnorm®) reduziert Verstopfungen, Blähungen und Unterleibsschmerzen bei Frauen mit Reizdarmsyndrom und Verstopfungen.

Tegaserod verabreicht man als Tablette, die man ein- oder zweimal am Tag einnimmt. Der Wirkstoff gehört zu einer neuen Medikamentenklasse, den 5-HT4-Agonisten (5-HT = Serotonin, ein zentraler Botenstoff).

Reduzierte Nebenwirkungen und erhöhte Lebensqualität

Zusätzlich zu der Wirkung bei Verstopfungen zeigte man, dass das Medikament Unterleibsschmerzen und Blähungen (häufig Begleiterscheinungen von Verstopfungen) vermindert und die Lebensqualität erhöht. Für andere Behandlungsmethoden, die man bei Verstopfungen anwendet, wie die erhöhte Zufuhr von Ballaststoffen oder die Gabe von Abführmittel (Laxantien), wies man eine Reduktion von Unterleibsschmerzen und Blähungen nicht nach.

Allerdings profitiert nicht jede Patientin mit Reizdarmsyndrom von Tegaserod. Wenn das Reizdarmsyndrom mit Durchfall statt mit Verstopfung einhergeht, führt Tegasteron unter Umständen zur Verschlimmerung des Durchfalls. Bei Männern prüfte man die Wirkung des Medikaments bisher nicht. Nach Aussage von Ärzten der Mayo Clinic bietet Tegaserod Medizinern eine zusätzliche Option zur Behandlung von Reizdarmsyndrom und Verstopfung. Sie geben allerdings zu bedenken, dass man den Wirkstoff bisher nur über den kurzen Zeitraum von drei Monaten testete.

Es ist noch nichts über Langzeitsicherheit und therpeutischen Nutzen bekannt.

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